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Reif für die Insel

Nach Vlieland zum ‚Into The Great Wide Open’-Festival.

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Foto: Steven Kruijff

 

Nachdem ich voriges Jahr die freundliche Einladung unseres Label-, und jetzt auch Festivalkollegen Ferry ausschlagen musste, war ich dieses Jahr in der Pflicht - und hatte auch wirklich Lust auf das Inselabenteuer. Wir, Ivonne und ich, hatten noch nie einen Fuß auf eine Watteninsel gesetzt und die bruchstückhaften SMS-Botschaften vom Excelsior-Labelbaas Ferry Roseboom waren durchaus geeignet unsere hoch gespannten Erwartungen noch zu steigern.

Nachdem uns das allwissende Google verraten hatte, dass uns rund 300 Kilometer und knappe drei Stunden vom Insel-Abenteuer trennten, trollten sich zwei schlaftrunkene Gestalten vor Tag und Duster in einen Kleinwagen, rollten knirschend vom Hof, die Maas entlang, und via Nijmegen, Apeldoorn und Zwolle und durch platte, mit Windrädern verspargelte Weiten ins friesische Harlingen. Unterwegs verrieten uns weitere geheimnisvolle SMS, wo wir anzutreten hatten und dass auch Steven mit einem Kumpel aus Haldern unterwegs nach Vlieland war.

 

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Foto: Steven Kruijff

 

In Harlingen angekommen, parkten wir auf einem riesigen, schon sehr vollen Parkplatz und reihten uns dann in die Karawane der Festivalbesucher auf dem Weg zur wartenden Fähre ein. Auf uns wartete indes Sonderlogistik in Gestalt eines zweimastigen Plattbodenschiffes, mit typischen seitlichen Schwertern. Zwar sahen wir fünf der angekündigten gelben Masten den Deich überragen, kamen aber nicht hin, weil die Baustelle eines neuen Perrons für die Nationale Spoorwegen den Durchgang zur Nieuwe Willemskade versperrte. Ivonnes Adleraugen entging aber nicht dass eine frisch betonierte, aber noch vernagelte Treppe von ihrer Rückseite begehbar war. So schleppten wir, mit dicken schwarzen Rändern unter den müden Augen und schon schweißgebadet unser Gepäck über rohe Betonstufen, wankende Stahlplatten, durch Baustellenmodder und Pfützen hin zu den drei urtümlichen Schiffen, die dort ihre Taugespinste in den blauen Himmel reckten. Ein bärtiger Matrose winkte uns freundlich und der Dreimaster ‚De Samenwerking’ nahm uns willig an Bord. Zwei weitere Pärchen wurden noch erwartet, die wie wir auf dem Schiff pennen sollten und einzig unser Ziel war klar: Vlieland. Es erschienen schließlich Gerard und Anita aus Utrecht sowie ein Mitarbeiter des ‚Staatsbosbeheer’, der niederländischen Forstverwaltung, in Begleitung einer mittelalten, bebrillten Dame. Genau wie wir, hatte von ihnen keiner eine blasse Peilung, wie es weitergehen sollte. Die sehr sympathische, aber abgesehen von der aufzunehmenden Zahl der Passagiere, auch ahnungslose Kapitänin stellte sich als ‚Tine’ vor, wie sich herausstellen sollte, aus Koblenz! Ihr rastalockiger, bärtiger Mann im Sankt Pauli-T-Shirt schleppte ein blondes Kleinkind herbei das gerade laufen konnte und deshalb mit einer Schwimmweste ausgestattet war. Ein weiteres Mannschaftsmitglied war ‚Chalo’. Der schwarzweiß gescheckte, kleinwüchsige Spanier schien immer zu wissen, was zu tun ist und trug folglich eine Hundeschwimmweste mit der Aufschrift ‚Crew“.

 

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Es wird so gegen 14 Uhr gewesen sein, als wir endlich mit Motorkraft ablegten, umständlich aus dem Hafen kurvten und entlang einer kilometerlangen Mole aus Steinbrocken nordwärts schwankten. Die war, so hörten wir, war mal angeschüttet worden, um strömungsbedingt eine Fahrrinne ausspülen zu lassen, die dann aber leider meerseitig entstand, während die eigentlich vorgesehene Seite versandete. Deshalb müssen Schiffe seither nach der Ausfahrt aus dem Hafen einen lästigen Schlenker fahren. Nach etwa eineinhalb Stunden, die anfängliche Begeisterung für die ungewohnte Beförderungsform hatte sich schnell gelegt, die Bilder passierender Schiffe und überraschend zahlreicher Plattbodenschiffe wiederholten sich, fragte ich mal vorsichtig, wie lange wir denn noch fahren müssten. Vlieland war ja längst in Sicht und schien zum Greifen nah. Skipperin Tine sah mich entgeistert an und verkündete trocken: „Mindestens drei Stunden. Wir fahren gegen die auflaufende Flut an und haben Gegenwind.“ Hasi schossen die Tränen in die Augen und ich hörte mich nur noch murmeln: „Ok, wir sind dann weg und legen uns erstmal hin!“ Unsere Mägen knurrten vernehmlich, weil wir ja ganz unholländisch, viel zu wenig ‚Boterhammen’ mitgenommen und diese wenigen auch längst aufgegessen hatten. Die Kojen waren hart, die ‚Kajuut’ eng, aber Gott sei dank das Meer ruhig. Nur wenn eine der schnellen Katamaran-Fähren vorbei schoss, schaukelte die ‚Samenwerking’ wie wild quer durch die Heckwellen. Gegen 17 Uhr werden wir wohl in die enge Hafeneinfahrt manövriert sein und es wurde im Angesicht von Hafenrestaurant ‚De Diner’ festgemacht. Unser erster Weg führte uns über schwankende Planken und quer über ein anderes Schiff an Land und direktemang auf die Terrasse. Unserer Bestellung „Zwei Leffe und zwei Hamburger mit allem, alsteblief!“ wurde freundlich und schnell entsprochen und nach dem zweiten Leffe kam die Welt allmählich wieder ins Lot. Den folgenden Fußmarsch zur Fährstation traten wir gestärkt an, mussten wir doch zunächst mal eine zügige Rückfahrt am Sonntag sicherstellen. Zwei Kilometer entfernt, kurz vorm Dorf gelegen war der Ticketschalter aber leider dicht. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Spaziergang durch Vlieland, het dorp. Kuschlig reihen sich altertümliche Häuschen entlang der Dorfstraße auf, etwas zurück inseleinwärts duckt sich ein bescheidenes protestantisches Kirchlein vor die waldigen Dünen und allenthalben säumen bucklig gerostete Kanonen die Pflasterstraße. Jedes zweite Haus beherbergt eine Kneipe, ein Restaurant oder ein Café. Wir nehmen weitere Leffes, versuchen die aufkommende bleierne Müdigkeit mit Espressos zu kontrollieren, schweben den Weg zur Ticketbude förmlich zurück, kaufen zwei Passagen für Sonntag 11 Uhr und fühlen uns jetzt sicher genug um das Festivalgelände zu suchen. Der umgezauberte Fußballplatz im Wald ist als solcher nicht mehr zu erkennen: gestalterisch tragendes Element ist die Planke, assistiert von der Europalette, die gepflegte Wiese wird optisch von weißblauen Planen beherrscht, vor antiken Last- und Lieferwagen sind die Stände aufgebaut, hinter deren Theken und Bars phantasievoll kostümierte, fast durchweg attraktive und gutgelaunte Menschen wirken. Das gastronomische Programm ist optisch ansprechend und auch so präsentiert, und aus den Hähnen strömt – erstaunlich so weit im Norden - limburgisches Brand-Bier. Das meiste, was wir probiert haben lässt sich tatsächlich essen bzw. trinken. Einzige Ausnahme, ein unsäglich trübselige Kürbissuppe, die im Leben keinen Kürbis gesehen hat, geschweige denn irgendein exotisches Gewürz oder gar Salz und Pfeffer.

Kein Kippenautomat weit und breit, aber Ivonne findet eine fast volle Packung arabische Zigaretten: ALHAMRA schmecken fast nach nichts, aber man hat was zum Anbieten. Wir treffen Steven und seine Freund Stefan, seines Zeichens Goldschmied, erstehen Wertmarken und trinken Brand-Bier bzw. Weißwein. Inzwischen haben wir auch ein, übrigens sehr hübsch gestaltetes Programmheft ergattert. Wir stellen aber schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist, die verschiedenen darin angegebenen, winzig gedruckten Aufführungsorte zu finden, geschweige denn pünktlich zu erreichen. Das ganze hat was von einer Schatzsuche mit der vergilbten Schatzkarte eines längst vermoderten Piraten als einzigem Hilfsmittel. Wir amüsieren uns trotzdem, auch wenn wir hundemüde sind und schwören uns, schnell Fahrräder zu leihen, um uns am Samstag und halben Sonntag nicht die krummen Hacken abzulaufen.

Wir ersteigen die Düne und haben oben angekommen schon genug vom anstrengenden Rumgesteige im wegrutschenden Sand. Uns reicht schon das Meer zu sehen, das aber seltsamerweise völlig geruchlos ist! Übrigens bestimmen auf dem Camping sympathisch altmodische, sandfarbene Zelte das Bild, deren Planen bis zum Boden reichen. Sie sind mit langen Holzheringen gesichert, die es überall zu kaufen gibt. 2009 müssen im Sturm wohl reichlich billige Iglu-Zelte weggeweht sein.

 

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Leider kann ich mich nur an zwei Acts erinnern: „The Whitest Boy Alive“ als letzte und unglaublich tanzbare Band am Samstag und ‚Dorléac’, das Projekt von Spinvis Erik de Jong und der Ex-Hooverphonic-Stimme Geike Arnaert. Ersteres auf dem Platz, die zweiten im Wald – ach was sag ich, im finstren Thann! Alles lümmelt, wie bei der Wunderbaren Brotvermehrung auf dem komplett bemoosten Waldboden, manche schaukeln dösend in eigens aufgehängten Hängematten und eine Bretterbar versorgt die Waldschrate mit Crèpes, Broodjes und Getränken. Die Waldwege sind spätestens bei unserer Abfahrt so duster wie im Arsch, alles radelt promillesatt wie wild durcheinander, keine Schilder, nur hier und da eine funzelige Leuchtdiode im Geäst, die angstfrei mitten auf dem Waldweg rumsitzende Festivalgäste leider nicht ausreichend beleuchten kann. Die Begeisterung für den knuddeligen Tim Knol, die das gesamte Königreich erfasst zu haben scheint, kann ich übrigens nicht teilen. Durchschnittliche Americana-Bands, die nicht aus Amerika kommen, gibt es weiß Gott wie Sand am Strand von Vlieland. ‚Dorléac’ hingegen steht, auch wenn mich von den eigentlich als Soundtrack geplanten Stücken nur ‚Dreaming Backwards’ begeistert, in der Hitlijst der Volkskrant vom 22.9.2010 auf Platz eins!

Bei ‚The Whitest Boy Alive’ reicht die Bemerkung, dass es sich beim bebrillten Sänger um eben jenen der Kings of Convenience handelt, um Hasi an die tobende Meute vor der Bühne zu verlieren. Der Heimweg zum Hafen gestaltet sich Samstag nachts schwierig. Ivonnes Fiets will wilde Kurven fahren, wir steigen lieber ab, um den Preis kein Licht mehr zu haben und schleichen im Schneckengang Richtung Südküste. Ein etwa 4000 Meter hoher Dünenhügel erweist sich in unserem Zustand als fast unüberwindbar, wird aber, wenn auch unter Protest, bezwungen. Es kommt zum unvermeidlichen Slow-Motion-Salto - Ivonne liegt unter ihrem Fahrrad - und lacht. Und nur der Mond schaut zu wie wir schließlich serpentinenreich am Hafen ankommen. Am nächsten Morgen: Zahlreiche beeindruckende Hämatome, in Grün, Gelb, Violett und Rot werden präsentiert, schaumiges holländisches Brot mit Pindakaas mit je zwei Tassen Kaffee runtergewürgt und zum Abschied fröhlich gewunken. Inzwischen hatten drei weitere Schiffe an der ‚Samenwerking’ festgemacht. Als Urheber des nächtlichen Trampelns auf Deck erweisen sich (teils tatsächlich blinde) Reise- und Jugendgruppen und unter Deck outet sich die Band ‚Beans and Fatback’ als die somnambulen Klabautermänner die unsere Narkose gestört hatten. Steven und Stefan, die mit der Fähre gekommen waren, wollen absolut zurücksegeln und bleiben an Bord.

Auf der Rückfahrt mit der Fähre nutzten wir die kurzen anderthalb Stunden zu einem Nickerchen unter Deck. Auf dem Sonnendeck tutete herzerwärmend eine Blaskapelle während die sonnenhungrigen Passagiere in einer steifen Brise fröstelten.

 

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Resümé:

Die für zarte Gemüter längst unerträgliche, staatstragend-superpopuläre, dabei aber 80% des niederländischen Wirtschaftslebens absorbierende Pflichtveranstaltung Lowlands hin oder her, ein Teil von ‚popminnend Nederland’ findet auf Vlieland zu seinen Wurzeln zurück. Die zweite Folge von ‚Into The Great Wide Open’ ist der gelungene Ansatz, eine ur-nederlandse Lokalität, die man nur auf dem Wasserwege erreichen kann, als Kulisse für ein wirkliches Familienfestival zu nutzen. Geboten wurden einiger musikalischer Tiefgang mit internationalem Flair bei deutlicher vaterländischer Dominanz, engagierte Kinderbespaßung und -Aufsicht, juvenile Medienworkshops, zwangloses Camping in den Dünen, nächtliche Lagerfeuer-Sessions am Strand und abgesehen vom süd-limburgischen Brand-Bier vorwiegend lokale Produkte. Auffällig war dass die Veranstalter die völlige Kontrolle über die von Planken, Paletten, roten Markisen und Staketenzäunen dominierte Stilistik hatten. Keine laute, ja nicht mal leise Werbung störte den gerne zahlenden, ökonomisch, familiär und charakterlich gefestigten Ästheten, der zwischenmenschliche Tonfall war schon fast unheimlich freundlich und die Preise angesichts der gebotenen Sexness noch moderat.

Ein bisschen stolz sind wir auch, dass das viel ältere Haldern, eines der Role Models für Into The Great Wide Open sein durfte. Und typisch Hollands haben die cleveren Seefahrer in nur zwei Jahren vieles gelernt und umgesetzt, woran Haldern bis heute noch übt. Aber sicher sind Organisation und ‚Efficiency’ sehr holländische Tugenden und vielleicht sind die Willensbildungsprozesse der niederländischen Kollegen auch einfacher, die Hierarchien flach und die Entscheidungswege kürzer... Kurzum: Beste Ferry, hartelijk bedankt voor de uitnodiging! Wir wollen auf jeden Fall wiederkommen, vielleicht mal für ne Woche im Spätsommer oder Frühjahr. Vlieland mit Wind, das wär doch mal was für uns olle Randlatten...

www.intothegreatwideopen.nl
www.zeilenopdesamenwerking.nl
www.beansandfatback.nl
www.haldern-pop.de
www.haldern-pop.tv

PS: Die Veranstalter von ITGWO haben erkannt, dass ‚Kinderarbeit’ ein probates Mittel gegen ‚Kinderarmut’ sein kann. Was in Haldern als ‚Pop-Blagen’ firmiert, trägt auf Vlieland T-Shirts mit süßen Hasen drauf und lauert auf leer getrunkene Becher um sie dem noch Trinkenden flugs zu entreißen und in Pfandcents zu versilbern, die hoffentlich für ein späteres Studium verwendet werden. Wolfgang Linneweber