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Mauerfall: 9. November 1989

Zu Gast beim Omroep Venlo

Zu Gast beim Omroep Venlo

Die Mail von Victor Tabbers kam aus heiterem Himmel. Ich hatte unsere Verabredung natürlich längst vergessen. „Niet vergeten, vanavond 19 uur!“

‚Im Westen Nichts Neues’ heißt die wöchentliche Sendung, die sich, nicht ganz unproblematisch, den Titel von Remarque’s Kriegstagebuch leiht. Als Radioformat für Niederländer, die neugierig auf die ‚deutschsprachige’ Kultur sind, geht der Titel natürlich durch und hilft, das Warten auf den nächsten (gleichnamigen) Konzertabend verkürzen.

Ich suche also deutschsprachige Musik zusammen: Laibach, Kante, Klee, Strunk, Fischmob, L.S.E., Die Sterne, Schmickler, Knef, Begemann, Comedian Harmonists... In der naiven Annahme, dass es sich um einen dieser Abende im Zeichen der deutschsprachigen Musik handeln würde.

Ich erinnerte mich zwar vage, dass die Sendung um das Thema Berlin kreisen sollte... Den 9. November 1989 hatte ich nicht auf dem Schirm. Fast schien es, als hätte ich den so überbelichteten Tag der Wiedervereinigung völlig ausgeblendet. Niederländern, der Deutschfreundlichkeit unverdächtig, und dennoch von der Wiedervereinigung schwer begeistert, ist nur schwer zu erklären, dass man als Deutscher von der Idee der Einheit nicht entflammt ist. Mein Studionachbar wusste zu berichten, dass es viele 9. November für die deutschen gab:

9. November 1848
standrechtliche Erschießung des republikanischen Reichtagsabgeordneten Robert Blum.

9. November 1918
Novemberrevolution in Berlin.

9. November 1923
Hitler-Ludendorff-Putsch in München.

9. November 1938
Beginn der Novemberpogrome.

9. November 1939
'Het Venlo incident' liefert Hitler den Vorwand, die Niederlande zu überfallen. Erst 2006 freigegebene britische Geheimdienstakten werfen ein neues Licht auf den Vorfall an der Heronger Grenze.

9. November 1967
„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, Slogan der studentischen APO in der Bundesrepublik.

9. November 1989
Mauerfall.

Mein Widerwillen gegen das, was man gemeinhin als ‚Ostrock’ bezeichnet, rief verständnisloses Kopfschütteln hervor: „Maar Karat ist och een toffe band.“ Naja. Ob es mit den Texten zu tun hätte. Ich tappe vorsichtig durch das Minenfeld: „Ja, dat ook.“ Die Inhalte seien für uns hier im äußersten Westen halt nicht nachvollziehbar, der Tonfall zu kitschig gewesen.

Der andere Gast, zum Zeitpunkt der Maueröffnung zwölf, war besser vorbereitet. Er wusste von der berühmten Notiz, die Schabowski entgegen dem Sperrvermerk verlesen hatte. Wusste auch, dass der Nutzen der Wiedervereinigung zweier so entfremdeter Staaten ein zweifelhafter und mit Lasten verbunden war, die das vereinte Deutschland nie mehr tilgen können wird.

So ließ ich denn Nena’s ‚99 Luftballons’ und Udo’s ‚Sonderzug nach Pankow’ geduldig über mich ergehen und nutzte die Chance, die damit einhergehenden Gefühle noch einmal abzuschmecken und zu kommentieren. Kalter Krieg und Lederjacke waren die Stichworte und aus dem Regieraum schallte fast akzentfrei: „ Ich hab'n Fläschchen Cognac mit und das schmeckt sehr lecker das schlürf' ich dann ganz locker mit dem Erich Honecker...“

Wichtig und interessant war aber das Gefühl, dass sich gegen Ende der Sendung einstellte: Dass Deutschland eben nicht einheitlich ist, und dass die grenzüberschreitenden Regionen oftmals viel mehr Gemeinsames, als ursprünglich vermutet und dass viele Deutsche keinen besonders ausgeprägten Nationalstolz entwickelt haben.

Für unser Zusammenleben an der Grenze sind das eher gute Voraussetzungen.

Verpasste Sendungen stehen unter diesem Link zum Download bereit:
http://cid-148907009b5632a1.skydrive.live.com/browse.aspx/.Public

Treppenwitz:
Ich hatte in der Sendung übrigens ganz vergessen anzumerken, dass die Niederlande die DDR recht früh anerkannt hatten und dies das Verhältnis NL/ BRD (sic!) ziemlich belastet hatte...

Toch veelmaal bedankt voor de uitnodiging! Ich denke, uns allen sind ein paar Lichter aufgegangen.