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Dirk Claesen - Abbild und Wirklichkeit

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Die Arbeit des belgischen Modellbauers Claesen ist interessant, wenn es darum geht, die Ränder des Kunstbegriffes zu erkunden. Seine Arbeitsweise und die von ihm gefertigten hyperrealistischen Modelle von noch existierenden oder längst ausgestorbenen Tieren und Menschen werfen eine Reihe spannender Fragestellungen auf, die durchaus in einer Kunstinstitution gestellt und beantwortet werden sollten.

Beim Interview mit Dirk Claesen, im Rahmen der Eröffnung am Sonntag 13. Juni 2010/ 11h im Odapark Venray, sollen diese Fragen beantwortet werden.

 

Dienstag 27. April 2010:

Wir rollen auf ein heruntergekommenes Fabrikgelände an einem Kanal am Stadtrand von Hasselt in Belgisch-Limburg. Ruinen, bröckelnde Mauerreste, links und rechts im Blickfeld je ein Pinkelbecken an je einer bemoosten Backsteinmauer. Glasfaserreste, Ziegelsplitt, Steinchen, eine triste Gasse, links und rechts zerbrochene Paletten, zwischen zwei rotten, mit rotem Backstein geflickten Fabrikruinen gibt den Blick frei auf einen kahlen Baum, ein kaputtes Wellblechdach und noch mehr Tristesse.

 

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Vor einem zirka 6 mal 6 Meter weiten Hallentor ein Mann und eine junge Frau in blauen Overalls, die ein Feuer in einem improvisierten Tonofen nähren. Der kleine Ofen aus einer Mischung aus Schamottmörtel und Gips (wie sie laut Claesen auch bei Gussformen verwendet wird) soll Teil eines Ensembles werden, bei dem eine Berberfrau Fladenbrote in einem Feuer aus Kameldung backt.

Rechts des Hallentors ein goldenes Nashorn, lebensgroß, das gleichgültig in die triste Gasse zu blicken scheint. Links vom Rolltor stehen zwei Giraffen.

 

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Dirk Claesen, ein Kerl wie ein Baum, mit staubig-störrischen Locken, begrüßt uns mit einem Händedruck wie ein Schraubstock. Von seinen großen, knorrigen Pranken bröselt hellrosa Schamottemörtel, aus dem er zuvor den Lehmofen geformt hat. Die junge, dunkelblonde Frau mit der modischen, violetten Brille könnte seine Lebensgefährtin sein. Claesens verwittertes Gesicht wirkt vielleicht noch plastischer, weil wir uns schon beim ersten Blick in die vollgerümpelte Halle in die ausdrucksstarken Oberflächenreliefs der herumliegenden, stehenden und hängenden Tiermodelle und Körperteile eingelesen haben. Als Claesen später auf einem blankgewetzten Ledersofa Platz nimmt, ja da wirkt er fast selbst wie eines seiner Modelle, und das Sofa nimmt Züge eines Gestelles mit darüber gezogener Tierhaut an – was es ja auch ist. Die junge Frau serviert sehr starken Kaffee und stellt eine Dose mit Keksen auf den Tisch. Die Illustration auf der Blechdose – ein buntes Tiefseemotiv aus einem Tim & Struppi-Cartoon - bekommt eine eigenartige Konnotation vor einem Hintergrund von zwei trüben Aquarien. An der Frontscheibe des linken frisst eine träge Schecke die Algen weg während verwildernde Wasserpflanzen über den Rand des rechten zu wuchern scheinen. Im Wurzelwerk huschen Kaulquappen auf und nieder. Rechts auf einer Art Vertiko mit dunkelblauen Vorhängen, Modelle eines Bullen und einer Kuh, vielleicht im Maßstab 1:10 mit Beschriftungen in einer slawischen Sprache. An der Mauer hängt kopfüber das zentrale Schauglas einer goldenen, barocken Monstranz, ganz rechts steht der enorme Wirbelknochen eines Sauriers? Unter der Betondecke hängen zwischen Heizungsrohre geklemmte Plastikbumensträuße, auch kopfüber. Auf dem Tisch, direkt neben dem Laptop, ist ein handtellergroßer Betonbrocken mit Rostspuren eingeschlagen. „Von der Decke?“, „Ja, van het plafonds!“ antwortet die junge Frau lachend. Ihr makelloser, rosiger Teint und ihre gepflegten Hände stehen im krassen Kontrast zu Dirk Claesens ausdrucksstarkem Hautrelief. Es riecht ungesund nach Polyesterharz, überall. „Heb de potvis al gezien?“ fragt Theo, ein Bein untergeschlagen, von seinem Platz auf dem Sofa. Habe ich nicht... oder doch. Da draußen vor dem Fenster liegt er, der Pottwal aus dem Odapark, zwar teils zerlegt, aber dennoch eindrucksvoll vermittelt das lebensechte Modell mühelos das Volumen eines solchen gestrandeten Meeressäugers.

 

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„Heb je al die Christus gezien?“ Theo nickt unauffällig in Richtung des verglasten Büros hinter mir. Ich sehe zunächst nur die lebensechten Eingeweide an der Wand. Seltsam, wie sie da senkrecht an der rostroten Mauer hängen. Denn eigentlich präsentiert sich das, was nach dem Aufbrechen des Schlachttieres aus der Bauchhöhle quillt, so wie es am Boden auseinanderdriftet. Bar jeder Halt gebenden Hülle scheinen Därme, Leber, Lunge, Nieren zu zerfließen. Wir philosophieren kurz über die Gerüche, die wir aus Kindertagen vom Schlachten kennen, die uns aber hier – bei allem Realismus des Glasfiberabgusses – Gott sei Dank erspart bleiben.

Und jetzt sehe ich auch den Christus. Lebensgroß, gesäumt von fussligen Glasfaserfransen, hängt die fahlgelbe Halbform des Gekreuzigten unter der Decke.

Dirk erzählt die Geschichte von einem Objekt des Lütticher Künstlers Johan Muyle. Ein Schwein, in dessen offenem Bauch ausgeblasene Gänseeier sichtbar waren, trug eine Art Heiligenschein über seinem Kopf, der sich in der aufsteigenden Luft von im Bauch brennenden Teelichtern drehte. Wie sich später herausstellen sollte, hatte ein (neidischer) Künstlerkollege die Austrittsöffnung für die warme Luft mit einem Kaugummi verklebt, sodass sich die Wärme staute und das Schwein abbrannte.

 

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Da das Objekt aber bereits vorbestellt und bezahlt war, musste schnellstens Ersatz her. Es lag nahe, ein neues Schwein zu beschaffen und es entsprechend zu präparieren. Es stellte sich aber heraus, dass man nicht einfach die Haut eines Schweins kaufen konnte. Weil die Haut, sprich der Speck, teil der Verwertungskette ist. Ein totes Schwein wäre zwar zu beschaffen, aber nicht legal zu transportieren gewesen. Ein lebendes dagegen schon. Kurzum wurde ein lebendes Schwein gekauft, in den Anhänger geladen und ins Atelier von Muyle in der Altstadt von Lüttich gebracht. Das Schwein wurde durch das Rolltor getrieben und schon kam ein Kollege mit einer 9mm Pistole um die Ecke, um das arme Tier zu erschießen. Der Plan war, dass er auf dem Rücken Platz nehmen wollte, um das Schwein mit den Schenkeln einzuklemmen und dann, die Mündung des Laufs auf der Stirn gedrückt, auszulösen. Der Schuss knallte, das Schwein schoss nach vorne, rammte seinen Kopf rechts zwischen das Rolltor und dessen Führungsschiene und verendete - mit dem Kopf auf der Straße. Sein Reiter war quer durch die Halle geflogen.

 

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Die Freizeitschlachter mussten durchs Fenster nach draußen hechten, um eilig das illegale Treiben mit einer alten Decke zu kaschieren. Keine Sekunde zu früh, denn schon bog ein Bus mit Schulkindern um die Ecke. Mit Müh und Not konnten die Hobbymetzger das Tor wieder aufbiegen und das Schwein wieder nach drinnen zerren. Dort wurde es dann schnellstens zerlegt, und zwar – und das war das Besondere - ohne die kostbare Außenhülle zu beschädigen. Das Fleisch wurde verteilt. Es gelang dann auch tatsächlich, das Objekt so zu rekonstruieren, dass der Käufer es als Original akzeptieren konnte.

In einem gegen die Winterkälte isolierten Nebenraum werkelt ein Mitarbeiter zwischen Eimern, Messbechern, Pinseln und Spachteln. Ausgehärteter Polyurethanschaum scheint immer noch über den Rand eines Plastikeimers zu quellen.

 

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Auf dem Weg zurück sind im Halbdunkel der Atelierräume nur schemenhaft Treppenstufen sichtbar, Regale voller Körperteile, Beine, Köpfe, Körper, Torsen. Staub weht durch fahle Lichtkegel, die durch die schmutzigen Fenster ins Innere fallen. Ein fieser Köter taucht aus dem Halbdunkel auf und fletscht mich mit gilbigen Reißzähnen an.

Durch staubblinde Scheiben erspähe ich einen Kopf aus hautfarbenem Silicongummi. Gleichgültig sieht er aus seinen Glasaugen an mir vorbei ins Leere. Davor ein kleines Weihwasserbecken, dahinter ein augenloses Gesicht und im Vordergrund ein weiblicher Torso, dessen Gesicht unter einer rotblonden Langhaarperücke unsichtbar bleibt. Ein ausgestopfter Fasan auf einem Regal und ein staubiger Feuerlöscher an der Wand im Hintergrund wachen über die Szene.

In der Halle steht ein Elefant aus GFK, noch ohne Finish, eine nackte Frau mit üppigen Brüsten fasst sich verzweifelt an den haarlosen Kopf, daneben ein weiteres Nashorn, an einer Säule der struppige Kopf eines Wasserbüffels, im Hintergrund verschmelzen die Eindrücke zu einem beunruhigenden, albtraumhaften Mix aus eingestaubten menschlichen und tierischen Körperteilen, Formen und Materialien. Flaschenzüge hängen von der Decke, ordentlich aufgerollte Taue in verschiedenen Farben und Materalien hängen aufgereiht an der Wand. Ganz versunken fitzelt die junge Frau mit einem Skalpell störende Formgrate von einem wabbligen, hautfarbenen menschlichen Arm aus hautfarbenem Silikongummi.

 

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Über Dirk Claesen:

Als kleiner Junge wollte Dirk Claesen eigentlich Biologe werden und sah sich mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz frohgemut durch die Botanik springen. Doch als er bei einem Schulausflug Männer in weißen Kitteln in Laboratorien, und damit die Berufswirklichkeit kennenlernte, war er schwer enttäuscht. Schließlich landete er in einem Bildhauerstudium am Nationaal Hoger Instituut voor Kunstonderwijs in Antwerpen und machte seinen Abschluss als Meister der Bildhauerei. Sein Faible für die Biologie lebte Claesen dann doch noch aus -als Bildhauer und Modelleur für Präparatoren und Naturkundemuseen in Belgien und dem Ausland. Beim Abgießen eines Nashornes für einen Lütticher Tierpräparator kam ihm dann die Idee, daraus einen Brotberuf zu machen. Nach nunmehr fast 16 Jahren blickt Claesen auf ein umfangreiches Oeuvre hyperrealistischer Abgüsse und Rekonstruktionen für Museen in aller Welt zurück – die mit Tier- und Menschenmodellen und den dafür nötigen Formen vollgestopften Hallen in Hasselt legen beredtes Zeugnis davon ab. Unter seinem Künstlernamen ‚Zephyr’ wirkt Claesen auch als Lehrer, leitet Workshops und begleitet Expeditionen.

In 2008 hat Dirk Claesen mit einem naturgetreu nachgebildeten Nashorn in Salzburg die Weltmeisterschaft der Taxidermisten gewonnen. Es wurde auf den Namen ‘Anton’ getauft. 40.000 Besucher kamen um in drei Tagen 3000 Tiere zu bestaunen. “Die haben sogar mit einer Taschelampe in die Ohren geleuchtet, um nachzusehen, ob die Innenseiten auch haargenau so waren, wie die Natur sie entwirft. Ist nur ein Wimperchen zu lang, gibt’s schon Punktabzug.” Viel können die Juroren nicht beanstandet haben, Claesen bekam 90% und damit Gold. Bronze und Silber wurden mangels ausreichender Punktzahlen erst garnicht vergeben.

 

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Warum wird die Arbeit des ‚Modellbauers’ Dirk Claesen im Kontext einer Kunstpräsentation und in den Räumen einer eingeführten Kunstinstitution gezeigt? Verbirgt sich hinter dem Künstlernamen ‚Zephyr’ ein autonomer Künstler?

Behauptung: Die Arbeit von Claesen ist interessant, wenn es darum geht, die Ränder des Kunstbegriffes zu erkunden. Sie wirft eine Reihe spannender Fragestellungen auf, die durchaus in einer Kunstinstitution gestellt und beantwortet werden sollten.